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Der stetige
Fluss der Zeit und vorbei fliegende Tage sorgen dafür, dass
wir die Vergangenheit vergessen. Nur manchmal unterbrechen wir die
oft unnötige Hast, und stellen überrascht fest, wie wenig
Erinnerungen wir doch eigentlich haben. Daher bedarf es einer Methode,
um die Gegenwart festzuhalten. Nicht nur, um nach mehreren Jahren
etwas Material zu haben, das die Erinnerungenbeflügelt, sondern
auch, um die Gegenwart stärker empfinden zu können. Die
Wirkung er Zeit auf ein Menschenleben hat Ingmar Bergmann deutlich
in seinem Film "Smultronstollet" illustriert. Er hat auch
gezeigt, dass sich nicht jeder seiner Vergänglichkeit bewusst
ist.
Andrzej Lazowski, ein Stettiner
Fotograph, besitzt jedoch gerade dieses Bewusstsein. Die Aufnahmen,
eine Zusammenstellung von Averses und Reverses alter Ansichtskarten,
liefern den Beweis dafür. Mehrere Jahre sammelte er diese Ansichtskarten,
kaufte sie in Antiquariaten, bei Versteigerungen oder auf der Straße.
Sie stellen die Stadt Pölitz dar, damals weit weg von Stettin,
heute fast deren Vorstadt. Auf den Ansichtskarten finden sich architektonische
Objekte, Parkanlagen, romantische Gassen und städtische Schlupfwinkel.
Aber auch malerische Landschaften, Badeanstalten, Strände,
elegant gekleidete Damen, versteckt unter dem Sonnenschirm, oder
Fußball spielende Kinder. Einige Ansichtskarten erfüllen
mit Nostalgie, andere mit Freunde, aber alle besitzen eine Seele.
Sie bildeten eine Verbindung zwischen den Menschen, übermittelten
Empfindungen und Emotionen, manchmal aber auch nur kurze Informationen.
Auf den Postkarten lesen wir unter anderem: Aus meiner Sommerfrische
einen herzlichen Gruß. Wir leben alle nach Wunsch und vorgefunden
und leben nun in den Tag hinein, essen, schlafen, schwimmen etc.
Die schöne Zeit laufe viel zu schnell. Wie geht es in Hamburg?
Liebe Lucie! Recht herzliche Grüße von hier sendet
Dir sowie Deinen Lieben, Lenchen. Es ist wunderschön hier,
auch sehr preiswert, bloß der Wettergott recht launenhaft,
die See ist ziemlich stürmisch, eben sind wir von einer Kahnpartie
gekommen. Umstehend haben wir gestern gebadet. Anita ist recht mobil,
augenblicklich liegt sie im Bett
Mein lieber Zwolle. Lange
habe ich nichts von Ihnen gehört. Sie haben doch ihre Weltreise
noch nicht etwa angetreten. Ich bin seit 1. März wieder im
Dienst und zur Zeit auf Sommer-Urlaub. Sonst geht es mir ganz gut.
Ich möchte mich freuen, recht bald von Ihnen etwas zu hören.
Herzl. Grüße G. Wolff.
Zbigniew Herbert sagte einmal,
dass er an die Gemeinschaft der Lebenden und Toten glaubt. Ich auch.
Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die "Schweigenden"
versuchen, uns an etwas zu erinnern, manchmal aber warnen sie uns
auch. Es ist wunderbar, dass es Menschen gibt, die mit der Vergänglichkeit
nicht einverstanden sind. Sie haben die Hoffnung, dass das, was
gerade in diesem Augenblick geschieht, Kontinuität finden wird.
Es mag sein, dass das Verlangen nach dem Festhalten von Ereignissen,
Situationen und Beziehungen mit anderen Menschen seine Quelle in
unserer Gewohnheiten hat. Das, was man kennen gelernt hat, bleibt
gewohnt. Das das bleibt, was für uns von Bedeutung ist, bleibt
um so eher, je mehr wir uns es wünschen.
Malgorzata Annusewicz
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